Weitere Schulen des „Lernpark“-Projekts samt neuen Premierenplänen

 vom 27.06.2020

 

RECKLINGHAUSEN. „Lernpark“ im Rahmen der Ruhrfestspiele: Schulen gehen in vier Kunst-Projekten jetzt andere Wege als einst geplant.

Von „Lernen ohne Schule“ zu „Lernen durch Corona“ – mit dieser Entwicklung und ihren Fragen begaben sich 24 Schüler des Herwig-Blankertz-Berufskollegs – unterstützt durch die Theatermacherinnen und Künstlerinnen Mirjam Strunk und Cordula Körber – auf die Suche nach ihren persönlichen Lernfächern. Statt der geplanten Rauminstallation „basecamp“, präsentieren sie nun das Fotoprojekt „Corooning“. Am Anfang stand die Frage: Was will ich wirklich lernen? – am Ende: Was hat mich Corona gelehrt? (Präsentation: Juni 2020).

Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule machten sich daran, mit Sozialaktivist Ali Can Wege zu erforschen, Gesellschaft zu bewegen, und zu zeigen, wie Jugendliche die Welt verändern können. In der Youtube-basierten Late-Night-Show „Alimania“ werden sie zu Gast sein, von Erfahrungen berichten, Ergebnisse im Online-Format präsentieren (Herbst 2020).

Schüler der Abschlussklasse 2019 der Wolfgang-Borchert-Gesamtschule planen im Rahmen ihres Projekts „Von Orten und Menschen“ eine Fahrrad-Tour durch ihre Stadt. Auf dem Weg kommen Fragen auf: An welchem Ort bin ich glücklich? Wo verbringe ich die meiste Zeit? Wo gehöre ich hin? Eine Reise durch das Leben der Jugendlichen. Sie erzählt von Träumen und Alltag, Hoffnung und Ängsten (Präsentation: Herbst 2020).

Die Säle sind leer, Produktionen liegen auf Eis, das Theaterfestival Ruhrfestspiele 2020 fällt aus. Obwohl heute die ganze Welt ein Dorf ist, fängt kein Netz und kein doppelter Boden die Mitwirkenden in ihrer Kreativität auf. Und wie die Profis sind auch die im Rahmen des von der Mercator-Stiftung unterstützten „Lernpark“-Konzepts entstandenen Kunstprojekte an vier Schulen in Recklinghausen von der Corona-Pandemie betroffen. Aufgeben kommt aber nicht infrage, alle Beteiligten haben über Monate so viel investiert: Statt die seit dem letzten Herbst laufenden Vorbereitungen einzumotten, wurde umdisponiert. Jetzt finden die Premieren auf anderen Kanälen statt.

Die Schüler des Alexandrine-Hegemann-Berufskollegs haben sich mit dem Performancekollektiv dorisdean das Thema „Klasse“ vorgenommen: Was bedeutet Klasse eigentlich? In der Schule, im Leben? Welche Privilegien haben wir, und wo stoßen die an welche Art Grenzen? Statt der geplanten Live-Präsentation der Antworten gibt es nun ein Videoprojekt. Bei einem Dreh dafür steht Joshi, 18, im Ruhrfestspielhaus allein auf der leeren Bühne im Großen Haus. Vor ihm Sitzreihen ohne Publikum. „Die Arbeit an diesem Projekt war für mich sehr ungewöhnlich, einige Übungen waren sehr anstrengend, zum Beispiel wie in Zeitlupe durch den Raum zu gehen, eine halbe Stunde lang.“ Augenscheinlich cool spricht er dann seinen Monolog in die Kamera, einen eigenen, spontanen Text.

45 Minuten sind pro Dreh eingeplant – für etwa drei Minuten Film, die das Publikum später sieht. Joshi wird staatlich geprüfter Sport- und Gymnastiklehrer, wenn er die Schule hinter sich hat. Die gesamte Klasse hat ähnliche Schwerpunkte.

Durch den Bezug zum Thema Körper hatten die angehenden Physiotherapeuten und Sportlehrer alle eine Affinität zum Körperlichen. Dazu noch sein Innerstes mitzubringen, war für alle eine besondere Erfahrung. „Niemand musste einen Seelenstriptease machen“, erklären Miriam Michel und Anna Júlia Amaral von dorisdean, aber: „Viele der 17- bis Anfang-20-Jährigen waren überrascht, als sie bei sich beobachtet haben, was sie von sich preisgeben möchten und was nicht. Trotz der starken Präsenz der Jugend in den sozialen Medien ist eine Selbstdarstellung im Theater etwas ganz anderes.“ Neben den Filmsequenzen, die im Ruhrfestspielhaus von Filmemacher Marcel Nasciemento gedreht werden, gibt es Tanzchoreographien, die im Stile von TikTok-Videos dazwischen geschnitten werden, und Geschichten vom und über das eigene Sofa, bei dem das Möbel im Vordergrund steht – unter anderem, um über ein Objekt einen symbolischen Blick auf die gesellschaftliche Klasse der Mitwirkenden zu werfen.

An den vier Projektenteilen nehmen rund 100 Jugendliche aus der Wolfgang-Borchert-Gesamtschule, dem Herwig-Blankertz-Berufskolleg, der Dietrich-Bonhoeffer-Realschule und dem bereits erwähnten Alexandrine-Hegemann-Berufskolleg teil.

Die Gesamtleitung des „Lernpark“-Projekts haben Carina Langanki und Emel Aydogdu von transkript’09, die ihrerseits häufiger große Jugendprojekte geleitet haben.

Der Premierentermin bleibt trotz Covid-19-Pandemie der 3. Juni 2020, allerdings als nun „virtuelle Premiere“, so dass die Familienmitglieder und Freunde, die jetzt nicht zusammenkommen können, gemeinsam die Arbeit der Gruppe bewundern können.